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Ergebnisfokussierte Mediation (Mediation 4.0)

 

Mediationsverfahren befähigen die Beteiligten zur Lösung. Dafür bedient sich die Mediation unterschiedlicher Wege. Im privaten Kontext »Familie« werden Interessen erkundet und dafür die bedürfnisfokussierte Mediation bevorzugt. Im Kontext »Organisationen« ist in vielen Fällen ein tiefes Eindringen in die Bedürfnisebene nicht erwünscht. Hinzu kommt, dass es nicht immer als opportun angesehen wird, alle Interessen offenzulegen. Deshalb ist hier die ergebnisfokussierte Mediation passender, weil sie auch - statt expliziter Erkundung von Interessen und Bedürfnissen - über konkrete Handlungen zu befriedigenden Ergebnisse führt.

 

Die ergebnisfokussierte Mediation basiert auf einer Prozesslogik, die sich deutlich von der Prozesslogik der bedürfnisfokussierten Mediation unterscheidet und die Arbeitsfähigkeit leichter und wesentlich schneller herstellt. Sie befähigt dazu, ein ganz bestimmtes Ergebnis im Sinne der Organisation zu erzielen: Die Veränderung einer unerwünschten IST-Situation zu einer gewünschten SOLL-Situation. Dafür werden Ressourcen wie Zeit und Geld investiert und das muss 'sich rechnen'.

 

 

Der Alltag professioneller Mediation

 

Die Bereichsleiterin eines Münchner Hightech-Unternehmens runzelt die Stirn: »Wenn Sie sagen, Sie brauchen meine Leute für 1,5 Tage zur selben Zeit am selben Ort, dann haben wir gleich das nächste große Problem. Das achtköpfige Team ist auf vier Standorte verteilt: Helsinki, Paris, Madrid und München. Alle sechs Wochen treffen sie sich für einen Tag hier in München. Abzüglich Flughafentransfer und Mittagspause beträgt die Netto-Arbeitszeit drei Stunden. Mehr ist da nicht drin. Diese Zeit muss reichen, damit die Kooperation wieder funktioniert. Kriegen Sie das hin?«

 

Anforderungen dieser Art nehmen deutlich zu. Zum chronischen Zeitmangel gesellen sich zwei weitere Phänomene: »Ich bin hier bei der Arbeit und werde nicht darüber sprechen, wie mir persönlich zumute ist – das geht niemanden etwas an«. Das dritte ebenfalls deutlich wachsende Phänomen ist »Null Bock auf Drama«, das bei den Generationen Y und Z mitunter besonders stark ausgeprägt ist.

 

Ressourcenknappheit, Selbstschutz und emotionaler Pragmatismus sind drei Phänomene, die in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Vor ca. 30 Jahren schwappte die Mediation nach Deutschland. Zu dieser Zeit war auch das Ausleben von Gefühlen in Encounter-Gruppen en vogue. Heute ist diese Begeisterung rückläufig. Es ist absehbar, dass sich diese Tendenz in Zukunft verstärken wird. Entwicklungen wie das »Internet der Dinge« und die »Industrie 4.0« werden die Komplexität erhöhen. Multikulturalität schlägt in die gleiche Kerbe. Gleichzeitig greift der Sog einfacher und heilsversprechender Erklärungsmodelle weiter um sich. Begleitet wird er vom Verzicht auf Eigenverantwortung, denn fremdem Schwarz-Weiß-Denken zu folgen ist attraktiver, als selbst zu denken.

 

Wer da die Botschaft von »Förderung der Verständigung«, »Konsens« und »eigenverantwortliche Entscheidungen« in die Welt trägt, braucht eine zunehmende Frustrationstoleranz und ein noch größeres Sendungsbewusstsein. Mediation als »konstruktive Form der Bearbeitung von Streitigkeiten« oder als »Förderung der Verständigung in Konflikten« oder als »Alternative zum Gerichtsverfahren« sind gängige Darstellungen der aktuellen Mediation. Sie wird weiterhin Bestand haben, wenn auch auf einem bestenfalls mäßig steigenden Verbreitungsgrad – wie die

Web-LinkEvaluation des Mediationsgesetzes in eindrucksvoller Form belegt.

 

 

Die Ursachen dafür liegen in der Mediation selbst, in ihrer Prozesslogik.

 

Mediation ist nicht gleich professionelle Mediation

 

MediatorInnen sind DienstleisterInnen, die Mediation anbieten. Dafür bearbeiten sie Kontexte, in denen Mediation stattfinden kann. Der Kontext ermöglicht Mediation und begrenzt sie gleichzeitig auch. Es ist gängige Praxis, das Ideal der Mediation ohne Kontextbezug zu beschreiben. Klar ist, dass dieses Ideal nicht ausreicht, um die Realität einer professionellen Dienstleistung abzubilden. Ebenso klar ist, dass sich die Realität vom Ideal unterscheidet. Das gilt auch für die Realität professioneller Mediation im Kontext von Unternehmen.

 

Dort erhalten einige Ideale der Mediation nachrangige Bedeutung, sind nur indirekt relevant oder werden sogar abgelehnt, wie beispielsweise die Förderung der Verständigung als Selbstzweck, denn sie dient der Arbeitsfähigkeit. Damit werden Ziele und Ergebnisse besser und leichter erreicht. Auch Grundsätze wie Freiwilligkeit und Ergebnisoffenheit müssen im Kontext von Unternehmen anders definiert werden als im privaten Kontext.

 

Gleiches gilt für Nachhaltigkeit. Im privaten Kontext lässt sie sich leicht an der Dauer der Tragfähigkeit einer Vereinbarung messen. Würde dieser Maßstab auf Unternehmen übertragen, wäre nur ein Bruchteil gelungener Mediationen nachhaltig. Permanente Veränderungen wie Umstrukturierung, Strategieänderung, Personalwechsel, Budgetkürzung, Marktdynamik usw. verändern Bewertungsmaßstäbe und Prioritäten. Das kann dazu führen, dass Vereinbarungen hinfällig oder bedeutungslos werden.

 

All das verdeutlicht, wie bedeutsam der Kontext für professionelle Mediation ist. Wenn sich Kontexte (z. T. radikal) ändern, müssen das auch begleitende Verfahren tun. Wir sprechen dann von »Mediation 4.0« (ergebnisfokussiert) und beschränken uns auf den Kontext »Unternehmen«. Die »klassische« Mediation, wie wir sie alle kennen (bedürfnisfokussiert), nennen wir hier verkürzt »Mediation 3.0«.

 

»Mediation 4.0«: Die Zukunft professioneller Mediation in Unternehmen

 

Die zukunftsweisende »Mediation 4.0« für den unternehmerischen Kontext basiert auf der Idee der Dienstleistung, die den KlientInnen Lösungen für ihre Probleme bietet. Und das zentrale Problem ist und bleibt es, die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass durch sie ein Mehrwert entsteht. Genau das kann »Mediation 4.0«: Sie versteht sich als »Profession der Lösungsbeschaffung bei Problemen in der Zusammenarbeit« und erfreut sich zunehmender Attraktivität. Betrachten wir zunächst die Gemeinsamkeiten von »Mediation 3.0« und »Mediation 4.0«:

 

Gemeinsamkeiten:

 

Ziel: Veränderung bewirken

Eine als negativ bewertete Situation soll zu einer positiv bewerteten Situation werden. Die Zusammenarbeit soll so gestaltet werden, dass durch sie ein Mehrwert für Beteiligte und Unternehmen entsteht. Das erfordert veränderte Handlungen der Beteiligten.

 

Weg: Beteiligte befähigen und unterstützen

Die Beteiligten gestalten ihre Veränderung autonom und eigenverantwortlich. Mediation unterstützt den Prozess.

 

 

Unterschiede:

 

Wenden wir uns nun den Unterschieden zu und welcher Logik sie jeweils folgen. Der Paradigmenwechsel besteht in der Änderung in der Reihenfolge der Prozesslogik und veränderten Grundannahmen zum Abbau von Frustrationen. ​

 

Der Ablauf von »Mediation 4.0« ist zweiteilig. Der erste Teil ist von einer problemorientierten Betrachtung der Vergangenheit geprägt. Belastendes kommt auf den Tisch, ohne dass darüber diskutiert wird. Als einzige Dialogform sind Verständnisfragen erlaubt. So entsteht nach und nach aus den einzelnen Mosaiksteinen individueller Betrachtungsweisen ein Gesamtbild der gemeinsamen Realität. Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern bleiben als gleichberechtigte Realitäten nebeneinanderstehen.

 

Die Folge:

Eskalation wird ausgebremst, da niemand um seine Wahrheit kämpfen muss. Dabei erleben die Beteiligten die wohltuende Wirkung der Akzeptanz von Unverständlichem, die sie meist auch ziemlich schnell verinnerlichen. So stellt sich Entspannung ein. Sie ist der Wegbereiter für den zweiten Teil, bei dem ein lösungsorientierter Blick in die Zukunft gerichtet wird.

 

Schritt für Schritt wird es dabei konkreter. Es beginnt mit allgemeinen Lösungsideen, fragt nach gewünschten Beiträgen anderer und eben auch nach dem eigenen Beitrag: »Was muss geschehen, damit die Ziele erreicht werden? Von wem wünschen Sie sich was? Welche Ihrer Handlungen verändern Sie so, dass die gewünschte Veränderung eintritt?«

 

Es ist immer wieder verblüffend zu erleben, wie sich im zweiten Teil eine Bereitschaft zur Kooperation entfaltet. Dieses Phänomen setzt sich auch in der Tragfähigkeit der Ergebnisse fort. Was wegfällt, sind eskalationsfördernde Ursachenanalysen und langwierige Bedürfnisklärungen.

Fazit

 

Mediation hilft dabei, den Weg von einem unerwünschten IST zu einem gewünschten SOLL zu gestalten. Dabei stehen zwei unterschiedliche Wege zur Verfügung mit jeweils spezifischen Grundannahmen, Haltungen sowie eigener Wirk- und Prozesslogik.

 

Der bedürfnisfokussierte Weg der »Mediation 3.0« führt durch das steinige Tal der Tränen.

 

Der ergebnisfokussierte Weg von »Mediation 4.0« baut eine gläserne Brücke über dieses Tal. Bildhaft ausgedrückt werden vorhandene Bedürfnisse zwar gesehen, jedoch nicht ergründet. Beide Wege erreichen das gleiche Ziel, wenn auch in deutlich unterschiedlicher Zeit. Beide Wege von IST nach SOLL sind möglich, beide haben ihre eigenen Qualitäten.

 

Professionalität ist die Fähigkeit, das eigene Tun in Kontexte einzuordnen. Wenn die gebotene Situation »Mediation 3.0« nicht als optimal erscheinen lässt, erhält diese mit »Mediation 4.0« eine wertvolle Ergänzung – und umgekehrt.

 

 

 

Web-LinkLiteratur: Kreuser, Karl/Robrecht, Thomas: Wo liegt das Problem? Frankfurt am Main, 2016